janw.de - Unterwegs in Tschechien
 Děčín - Ústí nad Labem - Zubrnice 25.06.2017 
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371 005 mit EC 173 "HUNGARIA" Berlin Hbf (tief) - Budapest-Keleti pu in Děčín hl.n.

Děčín Hauptbahnhof, 11.53 Uhr. In schöner alter Gewohnheit beginnt auch diese Reise mit einem Eurocity-Bild im Elbtal. Für diese Aufnahme hat man ungefähr zwei Minuten Zeit, um irgendwo aus dem Zug auszusteigen und zur Lok vorzulaufen. In der Zwischenzeit hebt der Lokführer zum Anfahren im 3 kV-Gleichstromnetz den zweiten Stromabnehmer und dann fährt der Zug weiter in Richtung Budapest. Bis 2014 fuhr der Eurocity in dieser Zeitlage noch als "VINDOBONA" ab Praha über Wien nach Villach. Im Jahr 2015 wurde der traditionsreiche Zuglauf aufgegeben und der EC 173 fuhr nun unter dem Namen "PORTA BOHEMICA" nach Budapest, ein Jahr später dann als "HUNGARIA". Die Lok der Baureihe 371 bleibt bis Praha am Zug. Die 371 005 ist dabei die letzte rote 371, denn alle anderen sind mitlerweile in den blauen Najbrt-Farbtopft gefallen. Die Farbvariante mit dem gelben Zierstreifen trugen 371 001, 002, 005 und 015 sowie die 372 006. Letztere ist in der Zwischenzeit auch blau umlackiert worden.

Von Děčín aus gibt es zwei Möglichkeiten, um nach Ústí nach Labem zu gelangen. Einmal westlich der Elbe über die KBS 090 (über diese Strecke rollt auch der Großteil des Personenverkehrs), aber auch östlich der Elbe über die KBS 073. Auf dieser Strecke werden aktuell im Zweistundentakt Regionova-Triebwagen eingesetzt. Die gelb-grüne Lackierung der Triebwagen wird übrigens seit einer Weile auch durch das blau-weiße Corporate Design abgelöst. Die KBS 073 endet in Ústí nad Labem nicht im Hauptbahnhof, sondern im Bahnhof Ústí nad Labem-Střekov auf er anderen Seite der Elbe.

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814 127 als Os 6469 Děčín - Ústí nad Labem-Střekov in Ústí nad Labem-Střekov

Ungefähr einen Kilometer Luftlinie südlich des Bahnhofs befindet sich auf einem Basaltfelsen die Burg Střekov (Schreckenstein). Der Weg dahin ist relativ einfach und als Wanderweg ausgeschildert. Zunächst überquert man die große Fußgängerbrücke über den Bahnhof und hält sich dann entlang der Bahnstrecke südlich. Nach dem Passieren einer Garagensiedlung erreicht man einen Kreisverkehr, der gleichzeitig eine O-Bus-Wendeschleife ist. Diesen überquert man relativ geradlinig und folgt der Straße Ke Hradu (Zur Burg). Kurz nach der nächsten Straßenkreuzung führt der Wanderweg über eine kurze Treppe bergauf und führt schließlich auf einem nur noch leicht ansteigenden asphaltierten Fahrweg zum Parkplatz an der Burg. Für die gesamte Strecke braucht man gemütlich etwa eine halbe Stunde. In der Burg sind der Vorhof und die Aussichtsterrasse frei zugänglich, für einen Besuch der inneren Burg wird eine Eintrittsgebühr erhoben.

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163 094 mit R 790 Kolín - Ústí nad Labem západ sowie die Stadtteile Ústí nad Labem-Brná und -Vaňov südwärts von der Terrasse der Burg Střekov

Von der Burgterrasse hat man eine schöne Aussicht nach Süden. Auf der in Blickrichtung linken (östlichen) Seite kann man Züge auf der KBS 072 beobachten, die über Litoměřice und Mělník nach Lysá nad Labem führt. Die Schnellzüge auf dieser Strecke fahren noch weiter bis Kolín. Gegenüber am anderen Ufer führt die KBS 090 über Lovosice nach Praha. Folgt man der Elbe flußaufwärts, bleibt diese Landschaft noch bis zur Porta Bohemica (Böhmische Pforte) so, anschließend wird das Land flacher.

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122 031 + 163 243 mit einem Güterzug in Ústí nad Labem-Střekov, in der Bildmitte im Hintergrund die Burg Střekov

Während die westlich der Elbe verlaufende Strecke vorrangig dem Personenverkehr dient, rollt der Güterverkehr verstärkt auf der Ostseite. Eine 122 rollt mit einer 163.2 und einem Güterzug aus Flachwagen in den Bahnhof. Von den 55 noch als E 469.1 gebauten Maschinen, die ältesten sind mittlerweile 50 Jahre alt, sind noch etwa 20 Stück unterwegs, die meisten davon sogar noch in der grünen Ursprungsfarbgebung. Die erst halb so alte 163 243 begann ihr Lokleben als 162 043. In den 90er Jahren fand ein Drehgestelltausch mit einer 363 statt. Im Ergebnis erhielt man so eine 140 km/h schnelle Mehrsystemlok der Baureihe 362 und eine 120 km/h schnelle Gleichstromlok, wobei letztere in die Baureihe 163.2 umgezeichnet wurde. Im Jahr 2015 wurde die Lok als eine von insgesamt 23 Lokomotiven an ČD Cargo abgegeben. Grüne 163 sind mittlerweile in Nordböhmen nur noch im Güterverkehr zu finden, alle anderen 162 und 163 in der Region sind Najbrt-farbig.

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163 039 mit Os 6410 Lysá nad Labem - Ústí nad Labem západ in Ústí nad Labem-Střekov (mit Steuerwagen vom Typ Bfhpvee 295 voraus)

Während Wendezüge in Deutschland seit Jahrzehnten alltäglich sind, gibt es sie in Tschechien interessanterweise erst seit 2011. Die dazu benötigten Steuerwagen der Bauart Bfhpvee 295 (ursprünglich war die Baureihenbezeichnung 961 vorgesehen) rekonstruierte man aus älteren Wagen. Der Spitzname für diese Steuerwagen ist Sysel (Ziesel). Die dahinter befindlichen Mitteleinstiegswagen mit Schwenkschiebetüren sind übrigens auch ein Produkt des Waggonbau Bautzen speziell für Tschechien. Auf der KBS 072 Ústí nad Labem - Lysá nach Labem werden mittlerweile nahezu alle Personenzüge (einschließlich der Schnellzüge nach Kolín) planmäßig als Wendezug gefahren. Die Position der Lok (nordwärts/südwärts) variiert dabei.

Im Sommerhalbjahr verkehrt von Ústí nad Labem-Střekov die touristische Linie T3 nach Zubrnice. Seit 2016 ist sie in den lokalen Verkehrsverbund DÚK integriert und somit gilt auf ihr auch das in Deutschland erhältliche Elbe-Labe-Ticket. Als Zubrnický Motoraček kommt ein Hurvínek-Triebwagen des Eisenbahnmuseums Zubrnice zum Einsatz. Soviel sei verraten: Die Strecke ist ein absoluter Geheimtipp und sei jedem empfohlen, der mal in der Gegend ist. Mit dem Triebwagen wird Ústí nad Labem-Střekov zunächst auf der KBS 073 in Richtung Děčín verlassen. In Velké Březno wechselt der Triebwagen dann mittels einer Sägefahrt auf die Gleise der Museumsbahn nach Zubrnice. Diese Strecke gewinnt anschließend beinahe steilstreckenartig an Höhe und verläuft in einer spektakulären Streckenführung in Hanglage die etwa sechs Kilometer südöstlich in einem Seitental bis zum Endbahnhof. Vor vielen Jahren führte die Lokalbahn weiter nach Verneřice, in Lovečkovice zweigte eine Nebenbahn nach Úštěk (gelegen an der KBS 087 Lovosice - Česká Lípa) ab.

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ZMŽ M 131.1280 (801 280) als Os 15485 "ZUBRNICKÝ MOTORAČEK" Zubrnice - Ústí nad Labem-Střekov in Zubrnice

Das Bahnhofsgebäude beherbergt ein kleines Eisenbahnmuseum, der Ort Zubrnice liegt etwas unterhalb im Tal. Auf den Gleisen des Bahnhofs sind einige historische Fahrzeuge abgestellt, außerdem gibt es einen kleinen Draisinenschuppen zu besichtigen. Für einen Städter ist die ganze Anlage wohl das, was man früher als Sommerfrische bezeichnet hat.

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Blick vom Bahnhof auf Zubrnice, der Fernsehturm im Hintergrund steht auf dem 683 m hohen Buková hora (Buchberg)

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T 201.9001 (796 401) in Zubrnice

Die blaue Lokomotive erinnert ein wenig an eine deutsche E 69 ohne Stromabnehmer. Tatsächlich handelt es sich aber um eine über hundert Jahre alte Diesellokomotive französischen Ursprungs, die in Nymburk eingesetzt wurde.

Es wird Zeit für den Rückweg. Unterwegs bietet sich von einer Anhöhe aus die folgende Aussicht. Wenn man genau hinsieht, erkennt man den Verlauf der beiden entlang der Elbe führenden Bahnstrecken. (Von der einen sieht man nur die Oberleitungsmasten.)

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Blick aus dem Zug hinter Malé Březno zastávka nordwärts auf das Elbtal mit Povrly und Malé Březno, der Berg in der Mitte heißt Dobrý (323 m)

Schließlich erreicht der Triebwagen wieder Ústí nad Labem-Střekov.

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ZMŽ M 131.1280 (801 280) als Os 15485 "ZUBRNICKÝ MOTORAČEK" Zubrnice - Ústí nad Labem-Střekov in Ústí nad Labem-Střekov

Mit dem nächstbesten Zug führt die Fahrt über die Elbe nach Ústí nad Labem západ (Westbahnhof) und von dort weiter zum Hauptbahnhof. Hier gibt es noch einiges Interessantes zu sehen.

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371 201 (ex DB 180 001) mit EC 175 "ROBERT SCHUMANN" Berlin Hbf (tief) - Praha hl.n. in Ústí nad Labem hl.n.

Die 371 201 ist die ehemalige 230 001 der Deutschen Reichsbahn. Im Jahr 2003 wurde sie, mittlerweile als 180 001 der DB und prototypisch für eine Höchstgeschwindigkeit 160 km/h umgebaut, an die ČD abgegeben. Aufgrund einiger Abweichungen zur tschechischen 371 wurde sie als einzige Lok der Unterbaureihe 371.2 zugeordnet. Den hübschen Flaggen-Look bekam die Lok im Jahr 2014 zur Eisenbahnmesse Innotrans in Berlin. Sie wird zusammen mit den anderen 371 vor den Eurocitys zwischen Praha und Dresden bzw. in Tagesrandlage auch bis nach Leipzig eingesetzt.

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753 751 (ex 752 001) + 753 775 (ex 753 337) mit Pn 64200 Libuň - Řetenice in Ústí nad Labem hl.n.

Einer der markantesten Güterzüge in Nordböhmen ist der Sandzug von Libuň nach Řetenice. Die beiden Lokomotiven der Baureihe 753.7 gehören zur 2. Umbauserie von CZ LOKO. Insgesamt wurden für ČD Cargo 30 Maschinen der ursprünglichen Baureihen 750, 752 (gemeint sind die beiden Umbauten aus der Baureihe 753, nicht die Bardotkas) und 753 unter Verwendung von Caterpillar-Motoren modernisiert, sie tragen die Nummern 753 751 bis 753 780. Weitere Lokomotiven dieser Bauart sind bei anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen im Einsatz. Man erkennt sie leicht an den zusätzlichen Lüftergittern an den Seiten. Einige Loks haben für Einsätze in Polen auch nach oben versetzte Scheinwerfer erhalten.

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843 005 mit R 1164 Liberec - Ústí nad Labem hl.n. in in Ústí nad Labem hl.n.

Es noch gar nicht so lange her, da war die Farbkombination purpurrot/elfenbein der Standard bei Dieseltriebwagen. Einige Jahr nach der Einführung des Najbrt-Farbschemas (benannt nach dem Designstudio Najbrt, welches das aktuelle Corporate Design der ČD entworfen hat) sieht das ganz anders aus. Während die Vorgängerbaureihe 842 schon komplett blau ist, gibt es noch einige 843 in der alten Farbgebung. Wenn der Beiwagen dazu auch noch passt, ist das schonmal eine Aufnahme wert.

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ELL 193 270 mit R 606 "SALUBIA" Praha hl.n. - Cheb in Ústí nad Labem hl.n., oben auf dem Berg das Větruše-Schlößchen

Vom Standpunkt des Eisenbahnbegeisterten betrachtet, könnten die Knödelpressen der Baureihe 371 noch Jahre durch das Elbtal fahren. Man hat sich an die kantigen Škoda-Loks gewöhnt, die seit über 25 Jahren vor den Expresszügen unterwegs sind und auch an die Lokwechsel in Dresden. Doch auch hier gilt: nichts ist für die Ewigkeit. Die Ablösung naht in Form von zehn bei European Locomotive Leasing (ELL) angemieteten 200 km/h schnellen Vectron-Mehrsystemlokomotiven (Hersteller ist Siemens in Deutschland), die ab 2018 bis nach Hamburg durchfahren sollen. Seit Juni 2017 ist die erste Vorablokomotive 193 270 bei der ČD und pendelt zwecks Personalschulung anstelle einer Lok der Baureihe 150.2 vor Inlandsschnellzügen zwischen Praha und Ústí nad Labem. Nebenbei entsteht noch ein besonderes Fotomotiv, denn nirgendwo sonst kann man eine Vectron-Lokomotive zusammen mit Bautzener Schnellzugwagen (auf dem Bild der erste Wagen hinter der Lok) verewigen. Die Lokomotiven sind in Tschechien nicht unbekannt, ČD Cargo hat insgesamt acht Vectron gekauft, die als Baureihe 383 unterwegs sind. Auch RegioJet setzt ebenfalls einige von ELL angemietete 193 vor Schnellzügen ein.

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